Technik und Innovation

Jenseits des Skalpells: Wie Gestala Ultraschall nutzt, um die Gehirn-Computer-Schnittstelle neu zu definieren

Das chinesische Startup Gestala entwickelt eine nicht-invasive Gehirn-Computer-Schnittstelle mittels fokussiertem Ultraschall mit dem Ziel, Gehirnimplantate überflüssig zu machen.
Jenseits des Skalpells: Wie Gestala Ultraschall nutzt, um die Gehirn-Computer-Schnittstelle neu zu definieren

Der Wettlauf, den menschlichen Geist direkt mit der digitalen Infrastruktur zu verbinden, wurde lange Zeit vom Bild des High-Tech-Implantats dominiert. Von Elon Musks Neuralink bis hin zu den klinischen Studien von Blackrock Neurotech erforderte der Goldstandard für hochpräzise Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCIs) in der Regel einen Neurochirurgen und einen Bohrer. Ein neuer Akteur aus Chinas schnell expandierendem Neurotech-Sektor setzt jedoch darauf, dass die Zukunft des BCI nicht in einem Chip, sondern in einer Schallwelle liegt.

Gestala, ein Startup, das aus den hochverdichteten Forschungszentren von Shanghai und Peking hervorgegangen ist, leistet Pionierarbeit bei einem nicht-invasiven Ansatz mittels fokussiertem Ultraschall. Durch die Umgehung der Notwendigkeit eines chirurgischen Eingriffs will das Unternehmen die zwei größten Hürden der BCI-Branche lösen: die Angst der Verbraucher vor Gehirnoperationen und die langfristige biologische Abstoßung implantierter Elektroden.

Die Auflösungslücke: Warum Ultraschall wichtig ist

Um zu verstehen, warum der Ansatz von Gestala in der Tech-Community Wellen schlägt, muss man zunächst die aktuelle BCI-Landschaft verstehen. Bisher mussten die Nutzer zwischen zwei Extremen wählen. Auf der einen Seite steht das Elektroenzephalogramm (EEG), das Sensoren auf der Kopfhaut verwendet. Obwohl sie sicher und einfach zu bedienen sind, gelten EEG-Signale als notorisch „unscharf“ – vergleichbar mit dem Versuch, einem bestimmten Gespräch von außerhalb eines überfüllten Fußballstadions zuzuhören. Der Schädel wirkt wie ein massiver Dämpfer für elektrische Signale.

Am anderen Ende stehen invasive Implantate. Diese liefern hochauflösende Daten, da sie direkt auf dem Nervengewebe sitzen, bergen jedoch Risiken wie Infektionen, Narbenbildung im Gehirn und die schließliche Verschlechterung des Signals, wenn der Körper versucht, den Fremdkörper abzukapseln.

Die Ultraschalltechnologie von Gestala besetzt einen vielversprechenden Mittelweg. Ultraschallwellen können den Schädel mit viel höherer Präzision durchdringen als elektrische Signale. Durch den Einsatz von fokussiertem Ultraschall (FUS) kann Gestala gezielt bestimmte neuronale Schaltkreise tief im Gehirn ansteuern, ohne einen einzigen Schnitt zu setzen. Es ist der Unterschied dazwischen, die Vibration einer Wand zu spüren oder einen Laser zu benutzen, um einen einzelnen Ziegelstein anzuvisieren.

Wie die Technologie von Gestala funktioniert

Das System von Gestala basiert auf einem tragbaren Headset, das niederintensive, fokussierte Ultraschallimpulse aussendet. Diese Impulse sind nicht darauf ausgelegt, Gewebe zu erhitzen oder zu schädigen, sondern vielmehr dazu, die Membranen von Neuronen physisch anzustoßen. Dieser mechanische Druck kann neuronale Aktivität auslösen oder hemmen – ein Prozess, der als Neuromodulation bekannt ist.

Während das Auslesen der Absichten des Gehirns via Ultraschall komplexer ist als dessen Stimulierung, nutzt das Unternehmen die funktionelle Ultraschallbildgebung (fUSI). Diese Technik verfolgt Änderungen des Blutvolumens und des Blutflusses innerhalb der Mikrovaskulatur des Gehirns. Da neuronale Aktivität eng mit dem Blutfluss gekoppelt ist – ein Phänomen, das als neurovaskuläre Kopplung bekannt ist –, können die Algorithmen von Gestala diese Muster dekodieren, um die Absichten eines Nutzers zu interpretieren.

Vergleich der BCI-Methoden

Um zu sehen, wo sich Gestala in den breiteren Markt einfügt, ist es hilfreich, die primären Methoden der Gehirn-Computer-Interaktion zu vergleichen, die sich Anfang 2026 in der Entwicklung befinden.

Merkmal Invasiv (Neuralink) Nicht-invasiv (EEG) Ultraschall (Gestala)
Chirurgische Anforderung Hoch (Robotische Chirurgie) Keine Keine
Signalauflösung Extrem hoch Niedrig / Rauschbehaftet Mittel-hoch
Risikoniveau Hoch (Infektion/Gewebeschäden) Vernachlässigbar Niedrig
Primärer Anwendungsfall Lähmung / Medizinische Genesung Wellness / Gaming Klinisch-konsumorientierter Hybrid
Langlebigkeit Jahre (abhängig von Narbenbildung) Unbegrenzt Unbegrenzt

Das chinesische BCI-Ökosystem

Gestala existiert nicht in einem Vakuum. Die chinesische Regierung hat „Brain Science and Brain-Like Intelligence“ in ihren jüngsten Fünfjahresplänen als nationale Priorität eingestuft. Dies hat zu einem Anstieg des inländischen Wettbewerbs geführt, wobei Firmen wie NeuraMatrix und Cloudminds ebenfalls um die Vorherrschaft kämpfen. Der Fokus von Gestala auf den nicht-invasiven Pfad verschafft dem Unternehmen jedoch einen einzigartigen Vorteil auf dem Verbrauchermarkt.

Für viele ist die Vorstellung eines freiwilligen Gehirnimplantats indiskutabel. Durch das Angebot einer „Wear-and-Remove“-Lösung positioniert sich Gestala für eine Zukunft, in der BCIs nicht nur von Menschen mit medizinischen Notwendigkeiten genutzt werden, sondern auch von gesunden Personen, die ihre Produktivität steigern, Smart-Home-Umgebungen steuern oder in immersive virtuelle Realitäten eintauchen möchten.

Herausforderungen am Horizont

Trotz der Versprechen steht Gestala vor erheblichen technischen und ethischen Hürden. Der menschliche Schädel variiert in Dicke und Dichte von Person zu Person, was bedeutet, dass die Ultraschallstrahlen ständig kalibriert werden müssen, um sicherzustellen, dass sie die richtigen Ziele treffen. Darüber hinaus ist die Latenz von blutflussbasierten Signalen naturgemäß höher als die nahezu augenblicklichen elektrischen Signale, die von Implantaten erfasst werden. Dies könnte Ultraschall-BCIs für Hochgeschwindigkeitsanwendungen wie kompetitives Gaming oder die Steuerung von Prothesen in Echtzeit weniger geeignet machen.

Zudem gibt es die Frage der „neuronalen Privatsphäre“. Wenn ein Gerät Ihre Gehirnaktivität über ein Headset ohne Ihre Zustimmung lesen kann, sind die Auswirkungen auf die Datensicherheit tiefgreifend. Gestala hat erklärt, dass sie an verschlüsselten „neuronalen Signaturen“ arbeiten, um sicherzustellen, dass die Daten lokal beim Nutzer verbleiben, aber die regulatorischen Rahmenbedingungen haben noch Schwierigkeiten, mit der Technologie Schritt zu halten.

Praktische Erkenntnisse: Worauf man als Nächstes achten sollte

Während Gestala im Laufe dieses Jahres auf breitere klinische Studien und potenzielle Prototypen für Verbraucher zusteuert, sollten Technikbegeisterte die folgenden Punkte im Auge behalten:

  • Achten Sie auf die Latenz: Der Erfolg von Ultraschall-BCIs wird davon abhängen, wie schnell die Software Blutflussänderungen in Aktionen übersetzen kann. Achten Sie auf Updates zu ihren „Signal-to-Intent“-Geschwindigkeiten.
  • Der Formfaktor zählt: Damit ein nicht-invasives BCI massentauglich wird, muss es komfortabel sein. Achten Sie darauf, ob das Headset von Gestala ein sperriges Laborwerkzeug bleibt oder sich zu etwas entwickelt, das einem leichten Kopfhörer ähnelt.
  • Regulatorische Meilensteine: Behalten Sie die Zulassungen der NMPA (China) und der FDA (USA) im Auge. Nicht-invasive Geräte haben im Allgemeinen einen schnelleren Weg zur Marktreife, aber „Neuromodulation“ erfordert dennoch eine strenge Sicherheitsprüfung.
  • Das Hybrid-Potenzial: Die Zukunft könnte nicht darin bestehen, dass eine Technologie gewinnt, sondern in einer Kombination. Wir könnten „Hybrid-BCIs“ sehen, die EEG für Geschwindigkeit und Ultraschall für Tiefe und Präzision nutzen.

Der Weg von Gestala steht für einen Wandel in der BCI-Narrative. Während die Welt vom Cyberpunk-Traum der Chips im Gehirn fasziniert war, könnte der eigentliche Durchbruch viel leiser sein – ein einfacher Ultraschallimpuls, der es uns ermöglicht, mit unseren Maschinen zu sprechen, ohne ein Wort zu sagen.

Quellen

  • Nature Communications: "Functional ultrasound imaging of human brain activity."
  • South China Morning Post: "China's BCI industry and the push for non-invasive tech."
  • IEEE Spectrum: "The Physics of Focused Ultrasound for Neuromodulation."
  • TechNode: "Startups to watch in the Shanghai neurotech corridor."
  • Frontiers in Neuroscience: "Comparison of BCI modalities: EEG vs. fUSI."
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